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SwiSCI
Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study
Schweizer Kohortenstudie für Menschen mit Rückenmarksverletzungen
Wie gelingt der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt?

Wie gelingt der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt?

Wie gelingt der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt?

Wie gelingt der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt?

Die Einstellungen, Motive und Gefühle von Arbeitgebenden und Menschen mit Querschnittlähmung sind entscheidend für eine erfolgreiche Rückkehr ins Berufsleben.

Der Weg zurück in die Arbeitswelt nach Eintritt einer Querschnittlähmung – sei es in die alte oder eine neue Tätigkeit – ist mit vielen Unsicherheiten verbunden. Betroffene fragen sich, ob sie den Anforderungen gewachsen sind, während Arbeitgebende überlegen, ob und wie sie die Person mit Querschnittlähmung beschäftigen können. Doch wie beeinflussen persönliche Einstellungen, Motive und Gefühle der Beteiligten die Entscheidung, ob ein Arbeitsverhältnis zustande kommt?

Antworten darauf gibt eine Studie von Amanda Folie und Dr. Urban Schwegler aus der Abteilung «Arbeit und Integration» der Schweizer Paraplegiker-Forschung. Sie befragten Menschen mit Querschnittlähmung und Arbeitgebende, die zwischen 2018 und 2022 durch ParaWork am Schweizer Paraplegiker-Zentrum bei der beruflichen Wiedereingliederung unterstützt wurden. Was haben sie herausgefunden?

Geteilte Freude ist doppelte Freude

Für viele Menschen ist die Arbeit Teil ihrer Identität – sie macht ihnen Freude und vermittelt Selbstwert, soziale Kontakte und eine sinnhafte Aufgabe. Viele haben eine emotionale Bindung zum Inhalt ihrer Arbeit und zum Arbeitsumfeld.

Deshalb löst die Frage nach der Rückkehr zur Arbeit viele Gefühle aus. Häufig treten Ängste und Unsicherheit auf, wenn unklar ist, ob die frühere Tätigkeit weiterhin ausgeübt werden kann. Ist eine Rückkehr nicht möglich, kann dies zu Trauer führen. Umso grösser sind Erleichterung und Dankbarkeit, wenn eine Weiterbeschäftigung gelingt.

Aber nicht nur Menschen mit Querschnittlähmung, sondern auch Arbeitgebende erleben in dieser Situation viele Emotionen. Oft besteht Mitgefühl mit der betroffenen Person, was die Entscheidung zur Weiterbeschäftigung positiv beeinflussen kann. Negative Gefühle hinsichtlich der Rückkehr der Person an den Arbeitsplatz gaben die befragten Arbeitgebenden seltener an.

Die Studie zeigt auch, dass die Gefühle beider Seiten eng zusammenhängen. Positive Gefühle wie Empathie und Dankbarkeit können sich gegenseitig verstärken – ganz nach dem Motto: Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Problematisch wird es jedoch, wenn die Emotionen nicht zusammenpassen: Wenn Arbeitgebende unsicher oder ängstlich sind, während die betroffene Person sich freut, kann dies zu Missverständnissen führen. Deshalb ist es wichtig, diese Gefühle offen anzusprechen. Hier setzt die Arbeit der Eingliederungsfachpersonen an: Sie helfen beiden Seiten, sich zu verständigen und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aufzubauen.

Ein junger Mann im Rollstuhl und in Mechanikerkleidung arbeitet an einem Traktor. Zwei Personen ohne Rollstuhl links und rechts von ihm schauen zu. Im Hintergrund steht ein weiterer Traktor.
Ob eine Person mit Querschnittlähmung in eine Arbeitsstelle kommt, hängt nicht nur von ihren Qualifikationen ab – sondern auch von den persönlichen Einstellungen, Motiven und Gefühlen der beteiligten Personen. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Das Dilemma der Arbeitgebenden

Nicht nur Gefühle, sondern auch persönliche Einstellungen und Motive spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung von Arbeitgebenden, eine Person mit Querschnittlähmung weiter zu beschäftigen. Die Studie zeigt, dass viele Arbeitgebende in einem Dilemma stecken: Einerseits möchten sie die Person weiterbeschäftigen – sei es aufgrund ihrer Kompetenzen, aus Mitgefühl oder Loyalität, oder wegen einer positiven Einstellung der Arbeitgebenden zu Inklusion und Chancengleichheit.

Auf der anderen Seite tragen sie Verantwortung für das Unternehmen. Sie müssen sicherstellen, dass die betroffene Person die Arbeit weiterhin erledigen kann – und dass die nötige Infrastruktur vorhanden ist. Über beides herrscht oft Unsicherheit. Deshalb sollten Eingliederungsfachleute die Arbeitgebenden gut informieren und aufzeigen, welche Herausforderungen, aber auch Chancen eine Weiterbeschäftigung mit sich bringt – und wie sich Arbeitsaufgaben anpassen oder Hilfsmittel finanzieren lassen.

Herausfordernd ist auch, dass Arbeitgebende und Betroffene oft falsche Vorstellungen davon haben, wie gut die Leistung nach der Rückkehr zur Arbeit sein wird. Laut der Studie gehen Arbeitgebende oft davon aus, dass Arbeitsleistung und -pensum tiefer sein werden als zuvor. Umso positiver sind sie überrascht, wenn jemand mehr leisten kann als erwartet.

Menschen mit Querschnittlähmung hingegen erwarten zu Beginn oft zu viel von sich selbst. Sie vergleichen sich mit ihrer früheren Leistungsfähigkeit – und merken erst nach der Rückkehr, wie stark sich die Rückenmarksverletzung auf ihre Belastbarkeit auswirkt. Das führt dazu, dass viele mit ihrer Leistung unzufrieden sind.

Ein schrittweiser Wiedereinstieg ins Berufsleben hilft, realistische Erwartungen zu entwickeln. Mittels Arbeitsversuchen und langsamer Steigerung des Pensums können Betroffene herausfinden, wie viel sie leisten können. Bei ParaWork begleiten durch die IV finanzierte Job-Coaches die Arbeitsversuche.

Auch Gespräche mit erfahrenen querschnittgelähmten Personen können helfen, die eigenen Erwartungen realistischer zu gestalten. Einen solchen Austausch bietet das Peer Counselling am Schweizer Paraplegiker-Zentrum oder die Lebensberatung der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung.

Eine interessiert aussehende junge Frau im Rollstuhl sitzt in einem Grossraumbüro vor einem Computer. Neben ihr zeigt eine Frau von ParaWork auf den Computer und erklärt etwas.
Job-Coaches von ParaWork helfen bei der Rückkehr ins Berufsleben. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Kommunikation ist zentral

Damit die berufliche Wiedereingliederung von Menschen mit Querschnittlähmung gelingt, braucht es vor allem eines: gute Kommunikation – auf verschiedenen Ebenen. Im direkten Austausch zwischen betroffener und arbeitgebender Person sollten Erwartungen und Gefühle offen angesprochen werden. Nur so können Missverständnisse vermieden und ein gutes Miteinander aufgebaut werden.

Auf gesellschaftlicher Ebene müssen Vorurteile gegenüber der Arbeit von Menschen mit Querschnittlähmung abgebaut und der Arbeitsmarkt inklusiver gestaltet werden – so ist bei neuen Arbeitsplätzen die Barrierefreiheit von Anfang an mitzudenken. Arbeitgebende und Sozialversicherungen sollten sensibilisiert werden, was es bedeutet, mit einer Querschnittlähmung zu arbeiten.

Im Mittelpunkt sollten dabei nicht die Einschränkungen der Betroffenen stehen, sondern ihr Potential. Arbeitgebende sollten erkennen: Sie stellen nicht einen «Behinderten» ein, sondern einen Menschen mit einzigartigen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Diese Haltung kann durch Informationskampagnen oder Netzwerkanlässe gefördert werden. So organisiert ParaWork jährlich einen Apéro für Arbeitgebende und IV-Vertreter, um Austausch und Sensibilisierung zu ermöglichen.

Die Studie zeigt deutlich: Persönliche Einstellungen, Motive und Gefühle – auf beiden Seiten – sind entscheidend dafür, ob ein Arbeitsverhältnis zustande kommt. Eine offene Kommunikation und die Begleitung durch Fachpersonen sind wichtig, damit eine dauerhafte Integration gelingt.

Für die Studie wurden Gespräche mit Arbeitgebenden geführt, die durch Fachpersonen im Eingliederungsprozess begleitet wurden. Es ist möglich, dass sich die Befragten positiver geäussert haben als es Arbeitgebende tun würden, die keine solche Unterstützung erhalten haben. Zudem wurden in der Studie nur zehn Personen mit Querschnittlähmung und zehn Arbeitgebende interviewt.

Deshalb plant die Forschungsgruppe nun eine Online-Befragung mit deutlich mehr Teilnehmenden. Ziel ist es herauszufinden, welche Einstellungen, Motive und Gefühle für Arbeitgebende und Betroffene am wichtigsten sind, wenn es darum geht, eine Person mit Querschnittlähmung anzustellen – oder als betroffene Person wieder in den Beruf zurückzukehren.

Tipps: Was ist wichtig für Menschen mit Querschnittlähmung auf Arbeitssuche?

  • Klarheit über die eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten schaffen: Was kann ich? Was will ich? Was brauche ich dazu?
  • Keine zu hohen Erwartungen an sich selbst – lieber mit kleinen Arbeitspensen beginnen und langsam steigern.
  • Offen über die eigene Situation sprechen, um Verständnis zu schaffen, Vorurteile abzubauen und Missverständnisse zu vermeiden. Gleiches von Arbeitgebenden einfordern.
  • Sich Unterstützung holen – zum Beispiel durch ParaWork oder Peerberatung.

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