«Röstigraben» bei der Arbeitsintegration
Eine neue Studie zeigt: Bei den Chancen auf eine erfolgreiche berufliche Eingliederung bestehen grosse regionale Unterschiede. Insbesondere in der Westschweiz gibt es Handlungsbedarf.
Wie gut finden Menschen mit einer Querschnittlähmung den Weg zurück ins Arbeitsleben? Die kurze Antwort: Nirgendwo auf der Welt funktioniert die Arbeitsintegration besser als in der Schweiz. Doch es gibt grosse Unterschiede zwischen den Regionen. Und sie nehmen zu.
Das ergab eine kürzlich erschienene Studie der Schweizer Paraplegiker-Forschung (SPF). Die Forschenden verglichen über einen Zeitraum von zehn Jahren die Beschäftigungsquote von querschnittgelähmten Personen mit derjenigen der Allgemeinbevölkerung. Es war die erste derartige Studie weltweit. Die Daten stammen aus drei SwiSCI-Umfragen unter querschnittgelähmten Menschen in der Schweiz.
Grosse regionale Unterschiede
Die Arbeitsmarktteilhabe von Menschen mit Querschnittlähmung hat sich hierzulande deutlich verbessert. Ihre Beschäftigungsquote stieg von 56 Prozent im Jahr 2012 auf 64,6 Prozent im Jahr 2022. Damit liegt die Schweiz international an der Spitze. Zugleich verringerte sich der Unterschied zur Allgemeinbevölkerung, die sogenannte Beschäftigungslücke, von 22,5 auf 15,4 Prozent. Dieser erfreuliche Rückgang betrifft vor allem Frauen, Personen mittleren Alters und Menschen mit einer Tetraplegie. Die Studie zeigt also, dass die Arbeitsintegration in der Schweiz generell immer besser funktioniert.

Die Forschenden untersuchten auch die Unterschiede zwischen den Schweizer Regionen. Die Beschäftigungsquote von Menschen mit Querschnittlähmung lag in der Zentralschweiz im Jahr 2022 bei 76,7 Prozent, der höchste Wert landesweit. Die erfreulichste Entwicklung zwischen 2012 und 2022 verzeichnete das Tessin, gefolgt von der Zentralschweiz und dem Kanton Zürich: Bei diesen drei Regionen nahm die Beschäftigungslücke zur Allgemeinbevölkerung um 12 bis 13 Prozent ab.
Es gibt aber auch schlechte Nachrichten. In der Genferseeregion (Genf, Waadt, Wallis) lag die Beschäftigungsquote von Menschen mit Querschnittlähmung bei niedrigen 47,3 Prozent. Die Beschäftigungslücke stieg dort seit 2012 gar noch an, während sie in allen anderen Schweizer Regionen deutlich zurückging. In der Zentralschweiz beträgt der Unterschied zur Allgemeinbevölkerung 11 Prozent, in der Genferseeregion fast 30 Prozent. Doch auch im Mittelland (Bern, Freiburg, Neuenburg, Jura, Solothurn) und in der Nordwestschweiz (Basel-Stadt, Basel-Land, Aargau) liegt die Beschäftigungslücke mit rund 20 Prozent noch immer hoch.

Erfolgreiche Integration
Urban Schwegler ist Leiter der Forschungsgruppe «Arbeit und Integration» an der SPF und Erstautor der Studie. Er sieht diesen «Röstigraben» bei den Beschäftigungsquoten mit Sorge: «Es darf nicht sein, dass in einem kleinen Land wie der Schweiz solch grosse regionale Unterschiede bestehen.»
Er hat eine Vermutung, warum sich die Arbeitsintegration in bestimmten Teilen der Schweiz stärker verbessert hat: Ein besonders wirksames Instrument für die berufliche Wiedereingliederung ist das ParaWork-Angebot in Nottwil. Dieses speziell auf Menschen mit Querschnittlähmung ausgerichtete Programm am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) legt den Fokus auf eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt.
ParaWork hat gegenüber der beruflichen Integration durch die IV verschiedene Vorteile: So arbeitet ParaWork eng mit den medizinischen und therapeutischen Teams des SPZ zusammen. Dadurch können gesundheitliche Probleme während der beruflichen Eingliederung schnell angegangen werden. Zudem sind die ParaWork-Massnahmen auf Menschen mit Querschnittlähmung zugeschnitten. Das spezialisierte Wissen zu Problemen, die Betroffene über ihre Mobilitätseinschränkung hinaus haben – Schmerzen, Spastik, Druckstellen, Infekte, psychische Belastungen usw. –, ist zentral für eine erfolgreiche Integration. ParaWork berücksichtigt auch den höheren Alltagsaufwand von Querschnittgelähmten in Bezug auf Morgenpflege, Selbstversorgung und Therapiemanagement.
Ausserdem begleitet ParaWork die Menschen so lange, bis sie eine stabile Arbeitssituation haben. Die Angebote umfassen den gesamten Eingliederungsprozess – von der stationären Erstrehabilitation über die ambulante Weiterbetreuung bis hin zur Begleitung durch Coaches am Arbeitsplatz.
Je früher, desto besser
Ein weiterer Vorteil: ParaWork beginnt den beruflichen Integrationsprozess bereits während der stationären Erstrehabilitation. Dadurch kann auch die IV frühzeitig eingeschaltet werden und es kommt zu weniger formalitätsbedingten Verzögerungen im Eingliederungsprozess. Startet man mit der Eingliederung erst später, erklärt Urban Schwegler, dann können bestehende Arbeitsplätze verloren gehen und langwierige Zuweisungsprozesse der IV können die Erfolgsaussichten mindern. In der Tat zeigt eine weitere, noch unveröffentlichte Studie aus der Forschungsgruppe: Beginnt man mit der beruflichen Integration schon während der Erstrehabilitation, steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit um über sechs Prozent.
Eine weitere Studie belegt die Wirksamkeit des gesamten ParaWork-Angebots: Personen, die es nutzten, erreichten eine Erwerbsquote von 81,4 Prozent – fast 20 Prozentpunkte mehr als Personen, die an anderen, meist durch die IV-Stellen angebotenen Eingliederungsmassnahmen teilnahmen. Stefan Staubli, Leiter des Bereichs Soziale und Berufliche Integration am SPZ, betont die Wichtigkeit der Zusammenarbeit mit der SPF: «Unser Vorgehen ist wissenschaftlich gestützt, wir folgen nicht nur Überzeugungen.»
Ursachen für den «Röstigraben»
Zurück zu den regionalen Unterschieden. Urban Schwegler führt aus, dass ParaWork landesweit das einzige auf Querschnittlähmung spezialisierte Eingliederungsangebot ist und theoretisch allen Querschnittgelähmten in der Schweiz offensteht. Doch gerade von Personen aus der Westschweiz wird es noch kaum genutzt.
«Zum einen ist ParaWork für diese Menschen schwer zugänglich, da das Angebot bisher nur in Nottwil existiert und es dort nur wenige französischsprachige Fachleute gibt. Zum anderen finanzieren die kantonalen IV-Stellen in Genf und im Wallis die ParaWork-Massnahmen oft nicht», erklärt Urban Schwegler.
Er fordert, dass alle querschnittgelähmten Menschen in der Schweiz die Möglichkeit haben, an einem spezialisierten beruflichen Eingliederungsangebot teilzunehmen. Entsprechend sollten diese Angebote regional verfügbar sein und durch die kantonalen IV-Stellen finanziert werden. ParaWork betreibt bereits Kampagnen bei den IV-Stellen, um die Wahrnehmung des Angebots zu erhöhen.
Die Studie der Schweizer Paraplegiker-Forschung zeigt, dass die Schweiz bei der Arbeitsintegration von Menschen mit Querschnittlähmung bereits viel erreicht hat. Dennoch bleibt Handlungsbedarf – insbesondere in der Westschweiz. Hier gilt es, Barrieren abzubauen und den Zugang zu spezialisierten Angeboten wie ParaWork zu erleichtern. So lassen sich die positiven Entwicklungen weiterführen und gleiche Chancen für Menschen mit Querschnittlähmung schaffen – in allen Regionen.

