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SwiSCI
Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study
Schweizer Kohortenstudie für Menschen mit Rückenmarksverletzungen
Soziale Kontakte stärken die Seele

Soziale Kontakte stärken die Seele

Soziale Kontakte stärken die Seele

Soziale Kontakte stärken die Seele

Eine SwiSCI-Studie belegt: Nach der Erstrehabilitation nehmen psychische Belastungen zu. Soziale Beziehungen können schützen.

Nach der Rehabilitation ist die Rückkehr ins Leben zu Hause für viele Menschen mit Querschnittlähmung ein grosser Schritt – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Wie gut gelingt die Anpassung an ein Leben mit veränderten Voraussetzungen? Und welche Rolle spielen dabei Beziehungen und soziale Unterstützung?

Antworten auf diese Fragen liefert eine aktuelle Auswertung der Schweizer Bevölkerungsumfrage für Menschen mit Querschnittlähmung (SwiSCI). Sie zeigt: Die Mehrheit meistert die psychischen Herausforderungen gut – doch längst nicht alle schaffen das. Besonders wichtig für eine gesunde Entwicklung sind soziale Kontakte und Unterstützung. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Studie zusammen und zeigt, wo Betroffene in der Schweiz Hilfe finden können, wenn die Seele aus dem Gleichgewicht gerät.

Belastung nach der Erstreha

Die Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study (SwiSCI) ist die grösste Befragung von Menschen mit Querschnittlähmung in der Schweiz. Sie wird von der Schweizer Paraplegiker-Forschung koordiniert und liefert regelmässig wichtige Erkenntnisse zu Themen wie Gesundheit, Lebensqualität und gesellschaftlicher Teilhabe.

In einer vor Kurzem erfolgten Auswertung standen psychische Belastung und ihre Entwicklung nach der Erstrehabilitation im Zentrum. Die Forschenden analysierten die Angaben von 240 Personen mit Querschnittlähmung, die zu zwei Zeitpunkten befragt wurden: einmal kurz vor dem Austritt aus der Erstrehabilitation und erneut Jahre später im häuslichen Umfeld. So konnten Veränderungen im psychischen Be­finden – insbesondere Symptome von Angst und Depression – über längere Zeit hinweg untersucht werden.

Der direkte Vergleich der beiden Zeitpunkte offenbart einen klaren Trend zu ungünstigeren Belastungsprofilen – mit Symptomen wie innere Unruhe, Sorgen, gedrückte Stimmung oder Antriebslosigkeit. Kurz vor Austritt aus der Erstrehabilitation zählten rund 28 Prozent der Befragten zum mittleren und 7 Prozent zum hohen Belastungsprofil. Jahre später zu Hause lagen diese Anteile bei 37 Prozent (mittel) bzw. 13 Prozent (hoch).

Das bedeutet: Der Anteil psychisch stärker belasteter Personen ist nach der Erstreha angestiegen, während der Anteil mit niedriger Belastung von 65 Prozent auf 50 Prozent sank.

Gute Anpassung möglich

Doch die Ergebnisse erlauben auch eine positive Interpretation. Knapp die Hälfte der Befragten meistert den Übergang von der Erstreha in den Alltag psychisch gut – obwohl dieser Prozess auf vielen Ebenen sehr herausfordernd ist. Das «behütete» und barrierefreie Umfeld der Rehabilitationsklinik fällt weg. Der häusliche Bereich ist oft noch nicht ideal an die neuen Lebensumstände angepasst. Erst jetzt wird deutlich, welche Auswirkungen die Querschnittlähmung auf den Alltag hat – was sehr schwierig und frustrierend sein kann. Nicht umsonst bezeichnen manche diese Umstellung als «zweite Querschnittlähmung».

Ein Mann im Rollstuhl kocht ein Teigwarengericht. Seine Arbeitsfläche mit Spülbecken und Herdplatten ist unterfahrbar und auf seine Sitzhöhe angepasst.
Dass eine Küche bei der Heimkehr nach der Erstreha schon so gut für den Rollstuhl angepasst ist, ist eher die Ausnahme. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Zudem zeigte sich bei einigen Personen eine positive Entwicklung. So hatten Personen mit ursprünglich hohem Belastungsprofil eine 41-prozentige Wahrscheinlichkeit, sich im Lauf der Zeit auf ein mittleres Belastungsniveau zu verbessern. Personen mit mittlerem Profil hatten eine 28-prozentige Chance, ein niedriges Belastungsniveau zu erreichen. Personen mit niedrigem Belastungspro­fil hatten eine 66-prozentige Wahrscheinlichkeit, in diesem zu verbleiben.

Diese Ergebnisse unterstreichen, dass viele Betroffene über eine beachtliche psychische Anpassungsfähigkeit verfügen – trotz der grossen Herausforderungen, die das alltägliche Leben mit Querschnittlähmung mit sich bringt.

Soziales macht stark

Ein zentraler Befund der Studie: Personen, die dauerhaft in einem günstigen psychischen Zustand blieben, verfügten über mehr psychosoziale Ressourcen. Das heisst: mehr soziale Unterstützung, das Gefühl dazuzugehören und Zufriedenheit mit den eigenen sozialen Beziehungen.

Konkret zeigte sich: Wer in der Gruppe mit dauerhaft niedriger psychischer Belastung war, hatte signi­fikant höhere Werte bei der wahrgenommenen sozialen Unterstützung und beim Zugehörigkeitsgefühl als jene Personen, deren Belastungsprofil sich verschlechterte. Umgekehrt hatten jene, die dauerhaft stark belastet blieben, die tiefsten Werte in allen drei Bereichen.

Diese Zusammenhänge machen deutlich: Soziale Ressourcen wirken wie ein Schutzschild. Sie können entscheidend dazu beitragen, psychische Belastungen abzufedern – besonders in der Übergangszeit nach der Erstreha, wenn Unsicherheit, Isolation oder Zukunftsängste überwiegen können.

In einer Wohnung um eine rote Bartheke herum sitzen oder stehen acht Personen, darunter ein Mann im Rollstuhl, und prosten einander fröhlich zu.
Ein gutes soziales Netzwerk ist nach einer Querschnittlähmung wichtig. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Frühzeitig vorsorgen

Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, bereits während der Erstreha gezielte Massnahmen zu ergreifen, die den Übergang ins häusliche Umfeld erleichtern. Dazu gehören nicht nur bauliche oder organisatorische Vorbereitungen, sondern auch, psychosoziale Ressourcen zu stärken. Eine vorausschauende Planung kann helfen, Isolation vorzubeugen und persönliche Beziehungen zu stärken.

Idealerweise aktivieren neu Querschnittgelähmte ihr soziales Unterstützungsnetz bereits vor dem Austritt – etwa durch Einbindung von Angehörigen, Peerberatungen oder Gespräche mit psychologischen Fachpersonen. Auch das frühzeitige Informieren über externe Beratungsangebote kann helfen, die Hemmschwelle für spätere Hilfe zu senken.

Die Studie unterstreicht: Der nachhaltige Erfolg einer Erstrehabilitation entscheidet sich nicht allein während des Klinikaufenthalts – sondern hängt massgeblich davon ab, wie gut der Alltag danach gelingt.

Tipps:

Wer psychisch belastet ist oder sich soziale Unterstützung im Alltag wünscht, muss damit nicht allein bleiben. In der Schweiz gibt es verschiedene Angebote speziell für Menschen mit Querschnittlähmung oder anderen Beeinträchtigungen. Eine Auswahl:

 

Lebensberatung der SPV

Sozialarbeitende und selbst betroffene Peers unterstützen Menschen mit Querschnittlähmung und ihre Angehörigen in persönlichen Gesprächen während und nach der Erstreha bei allen möglichen Themen.

Telefon: 041 939 68 68

www.spv.ch

 

Dazu gibt es eine Reihe von Angeboten für Menschen in psychischen Schwierigkeiten, die nicht auf Querschnittlähmung spezialisiert sind:

 

Psychiatrische oder psychologische Versorgung vor Ort

Hausärzt*innen, Psycholog*innen, Psychiater*innen oder regionale Krisen- und Beratungsdienste bieten erste Anlaufstellen bei anhaltenden psychischen Beschwerden.

 

Die Dargebotene Hand

Anonyme, rund um die Uhr erreichbare Nummer für emotionale Erste Hilfe. Gespräche mit ausgebildeten Freiwilligen.

Telefon: 143

www.143.ch

 

Seelsorge.net

Online-Beratungsangebot der reformierten und katholischen Kirche – für alle, ungeachtet ihrer religiösen Zugehörigkeit und ohne missionarische Absichten. Kostenlos und anonym via E-Mail.

www.seelsorge.net

 

Selbsthilfegruppen

In vielen Regionen gibt es Selbsthilfegruppen, auch für Menschen mit Lähmungen oder psychischen Erkrankungen.

www.selbsthilfeschweiz.ch

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